Universitärer Kunstbesitz
Hochschularchive nehmen - anders als etwa die staatlichen und meisten kommunalen Archive - bei der Sicherung von Kunstbesitz eine wichtige Rolle wahr. Nur selten existiert hierfür - wie an der Universität Halle-Wittenberg - eine eigene Kustodie. Eine solche ist auch an der Universität zu Köln nicht vorhanden. Entsprechend gelangen auch Gemälde und Werke der Bildhauerkunst ins Universitätsarchiv.
Sie sind darin den wissenschaftlichen Sammlungen ähnlich, die - sofern sie nicht mehr in den Instituten benötigt und gepflegt werden - auch hier gesichert werden.
Auf den folgenden Seiten möchen wir Ihnen einige Sammlungen und Stücke im Universitätsarchiv vorstellen.
Zugang 700: "Piranesis Antike"
Seit 2008 verwahrt das Universitätsarchiv eine Serie von mehr als 50 Stichen des italienischen Kupferstechers Giambattista Piranesi aus dessen "Vedute di Roma" (Ansichten Roms). Die ursprünglich aus einer Stiftung des Altphilologen Josef Kroll an "sein" Institut für Altertumskunde stammenden großformatigen Blätter werden hier als Zugang 700 verwahrt.
Im Wintersemester 2012/13 bearbeiteten Studierende der Seminare von Herrn Prof. Dr. Boschung (Archäologie) und Herrn Prof. Dr. Jachmann (jetzt Universität Regensburg) eine Auswahl daraus unter verschiedenen Aspekten. Die Ergebnisse präsentierte das Wallraf-Richartz-Museum in der Ausstellung vom 25.10.2013 bis zum 26. 1.2014.
"Zum 625. Gründungsjubiläum der Universität zu Köln zeigt das Wallraf eine Auswahl an großformatigen Rom-Veduten von Giovanni Battista Piranesi aus dem Besitz des Universitätsarchivs. Im Mittelpunkt steht Piranesis künstlerische Haltung im Streit um die Vorbildfunktion der griechischen oder der römischen Antike für die Kunst des 18. Jahrhunderts. Piranesi benutzt theatralisch dramatisierende Perspektiven, starke Hell- Dunkel-Kontraste und gigantische Vergrößerungen einzelner Bauteile, um in seinen Radierungen zugunsten der römisch-antiken Überlieferung Stellung zu beziehen." (Text: WRM)
Die mit Leihgaben des Universitätsarchivs ausgestattete Ausstellung wurde am 24. Oktober 2013 eröffnet. Nach der Begrüßung durch den Direktor des Wallraf, Dr. Marcus Dekiert, und den Dekan der Philosophischen Fakultät, Prof Dr. Stefan Grohé, führte Herr Jachmann in das Projekt ein. Die aus der Perspektive der Archäologie und der Kunstgeschichte in den Seminaren gewonnenen Erkenntnisse sind in einem Katalog der Reihe "Der (un)gewisse Blick" publiziert, dieser kann zum Preis von 10,00 € im Museumsshop des WRM erworben werden.
Insignien der Universität
Zugang 751: "Messer, Gabel, ...
„… Schere, Licht – sind für kleine Kinder nicht.“
So wurde in Kindertagen vor den Gefahren von Haushaltsgegenständen gewarnt. Den Kinderschuhen entwachsen und auch im Umgang mit dem Essbesteck mittlerweile hinlänglich geübt, sah sich Universitätsarchivar Dr. Andreas Freitäger Ende Januar 2011 mit einer für Archive wohl seltenen Abgabe konfrontiert: den umfangreichen Resten eines für mindestens 80 Personen gedachten silbernen Tafelbestecks. Erhalten haben sich 69 große und 37 kleine Gabeln, 86 große und 81 kleine Messer, aber nur noch 10 große Löffel und immerhin 41 Dessertlöffel. Also hatte im Laufe der Jahrzehnte wohl doch jemand – entgegen landläufigen Ratschlägen – „silberne Löffel geklaut“.
Der gute Erhaltungszustand ließ darauf schließen, dass das Besteck, das in den originalen Futteralen übergeben wurde, nicht übermäßig oft, aber – wie die Quellen zeigen – regelmäßig benutzt wurde.
Die Geschichte dieses Bestecks weist fast 90 Jahre, in die Anfänge der Universität, zurück: Anhand des Stempels, einem gotischen „F“ auf einer Raute, konnte dank der Hilfe des Kölner Besteckhauses Glaub festgestellt werden, dass der Hersteller des Bestecks die von 1868 bis 1976 in Schwäbisch Gmünd bestehende Silberwarenfabrik Wilhelm Binder war. Durch das Schwäbisch Gmünder Stadtmuseum war ferner zu erfahren, dass die Firma zwischen 1922 und 1929 unter der Marke „Floreat“ auch Bestecke in Alpacca (so der Markenname für die als „Neusilber“ bezeichnete Kupfer-Nickel-Zink-Legierung) mit Silberauflage vertrieb. Damit war der Zeitraum eingegrenzt, in dem die noch junge Kölner Universität das Tafelbesteck erworben haben konnte.
In den Akten über die Senatskasse fand sich auch rasch ein Anhaltspunkt für den Kauf: Unter dem 1. Juni 1922 wies Rektor Prof. Dr. Lehmann gemäß Senatsbeschluss vom 31. Mai als Beitrag zur Beschaffung von Messern und Gabeln dem Professorium aus der Senatskasse einen Betrag von 1000 Mark an. Damit sind zwar wohl nicht die Gesamtkosten für das umfangreiche Besteck (mit Gabeln, Suppenlöffeln, Tafelmessern, Dessertgabeln, -messern und -löffeln) ermittelt. Auch ließ sich nicht mehr feststellen, über wen es beschafft wurde. Allerdings stellte ein so umfangreiches Tafelbesteck am Vorabend der Hochinflation eine teure Anschaffung dar: unter den Beständen des Instituts für Handelsforschung im Universitätsarchiv fanden sich zeitgleiche Prospekte von Firmen im märkischen Sauerland, die in den 1920er Jahren zu deutlich günstigeren Preisen Aluminiumbestecke mit ähnlichem Dekor anboten. Das Tafelsilber des Senats war aber dagegen als Repräsentationsobjekt gedacht.
Und es wurde ausweislich der Journale der Senatskasse in der Frühphase scheinbar regelmäßig benutzt, wie folgende, nicht abschließende Liste von Ausgaben im Rechnungsjahr 1927 zeigen: so verzeichnet die Rechnung für den 8.4. und den 2.6.1927 das Waschen von Tafeltüchern; am 29.4. für das Essen in der Senatssitzung 37,56 RM, am 12.5. für Zigarren für den Senat 30,50 RM, am 19.5. für den Aufschnitt zur Senatssitzung 19,50 RM, am 18.6. für den gelieferten Wein für den Senat immerhin 40,50 RM …
Blättert der Archivbenutzer die (damals noch handschriftlichen) Senatsprotokolle durch, so leuchtet unmittelbar ein, dass die Senatoren all dessen bedurften, was Stärkung und Halt bot: Handfesten Essens (was außer Aufschnitt gereicht wurde, was auf belegte Schnittchen schließen lässt, war den Akten leider nicht zu entnehmen) ebenso wie geistiger Getränke und Rauchwaren. Denn das Pensum der Sitzungen war umfangreich. Neben den allfälligen endlosen Kenntnisnahmen ministerieller Erlasse und Beschlüssen über Selbstverwaltungsangelegenheiten gehörte zu den Aufgaben eines Hohen akademischen Senats als Universitätsgericht auch die Wahrung der akademischen Disziplin unter den Studierenden. Insofern sollte man trotz edlen Tafelbestecks und Verpflegung in den Sitzungen nicht die nur vermeintlich „gute alte Zeit“ verklären. Allerdings lädt das Tafelsilber im Universitätsarchiv zur Beschäftigung und Erforschung universitärer Geselligkeit vergangener Zeiten ein.
Zugang 956/1: Ein Rektorbild der alten Kölner Universität
An der Spitze der Kölner Universität stand und steht seit dem Mittelalter der Rektor der Universität. Ihm oblag die Immatrikulation und Verpflichtung der Studierenden. Im Mittelalter war der Rektor zugleich Richter erster instanz für alle Universitätsangehörigen und deren Familien.
Seit 1941 befindet sich ein Rektorbild der alten Kölner Universität im Besitz ihner modernen Nachfolgerin: Das Bild des Dr. iur.utr. [iuris utriusque, d.h. weltlichen und geistlichen Rechts] Johann Franz Conrad von Ley, der am 18. Mai 1748 gewählt wurde und das Amt nach der gedruckten Matrikel bis zur Wahl seines Nachfolgers Caspar Schönemann am 6. November 1753 ausübte. Nach der Matrikel war von Ley neben seiner Professur zugleich Dechant und Kanoniker an St. Kunibert und Kanoniker an St. Andreas.
Sein Bildnis wurde gemalt von Leonhard Blanckart. Über diesen in Köln ansässigen Porträtmaler, der zwischen 1735 und 1794 tätig war, ist sonst nichts bekannt. Das Wallraf-Richartz-Museum/Stiftung Corboud besitzt von ihm das Porträt der Christine von Clausbruch, Gemahlin des Peter von Otten (gemalt 1757), die Kunstsammlung Gera ein auf 1744 datiertes "Bildnis einer Dame im Pelz".
Unser Porträt zeigt von Ley in Dreiviertelprofil im schwarzen Rock, der Kragen deutet auf den geistlichen Stand hin. Als Zeichen seiner Rektorwürde ist einer der beiden für die alte Universität bezeugten Rektorstäbe abgebildet, die wie die neuzeitlichen Stäbe von 1929 die Heiligen Petrus und Paulus zeigten. An anderen Universitäten auch als "Universitätsszepter" bezeichnet, versinnbildlichen sie die Rechtsprechungsgewalt des Rektors: Die Universität bildete als Korporation einen eigenen Rechtskreis außerhalb der Jurisdiktion der Stadt Köln oder des Erzbischofs. Es war offenbar attraktiv, sich für Zivilrechtsangelegenheit unter den Universitätsrektor als Richter zu stellen.
Im Herst 2013 gab das Rektorat der Universität das Gemälde an das Archiv der Universität ab.
Zwei "Weltentdecker" (Zugang 956-2 und /3)
Im Sommer 2014 gelangten zwei qualitätvolle Porträts der deutschen Malerin Friederike O'Connell (1823-1895) in das Universitätsarchiv. Sie stammen mutmaßlich aus einer Stiftung des Physikers Prof. Dr. Clemens Schaefer, eines geborenen Kölners, der 1945 nach der kriegsbedingten Schließung der Schlesischen Friedrich-Wilhelms-Universität Breslau nach Köln kam und bis zu seiner Emeritierung hier lehrte.
Die noch in ihrem originalen Rahmen befindlichen Gemälde stellen einmal den deutschen Naturforscher Alexander von Humboldt (1769-1859) und den schwedischen Chemiker Jöns Jakob Berzelius (1779-1848) dar.
Zwei noch im Physikalischen Institut II befindliche Gemälde aus der gleichen Serie - allerdings ohne ihre Rahmen - zeigen den Naturforscher Isaac Newton (1643-1727) und den Physiker und nachamligen französischen Premierminister Francois Arago (1786-1853).
Zugang 957: Nicholas Hawksmoor "Architectural Designs for All Souls College, Oxford"
Um 1430 stiftete Henry Chichele, Erzbischof von Canterbury, in Oxford das “College of the souls of all the faithful departed”, allgemein als All Souls College bezeichnet. Auf den Erzbischof geht neben dem Plan auch die erste Bestiftung zurück. Die königliche Bestätigung stellte 1438 Henry VI. zusammen mit dem Erszbischof als Co-Gründer aus. Das College diente zunächst religiösem Zweck, indem der Warden und die ursprünglich 40 Fellows für das Seelenheil des Gründers und der im Hundertjährigen Krieg Gefallenen zu beten hatten, der nochmals aufgeflammt war. Als akademische Einrichtung fiel All Souls aus dem üblichen Rahmen, indem es – modern gesprochen – postgraduales Studium ermöglichen sollte: Denn die Mitglieder sollten bereits mindestens drei Jahre studiert und das Bakkalaureat erworben haben, um sich auf den Erwerb akademischer Grade der höheren Fakultäten (Zivil- und Kirchenrecht, Theologie und Medizin) zu konzentrieren.
Die mittelalterlichen Gebäude wurden im 18. Jahrhundert teilweise durch Neubauten des Architekten Nicholas Hawksmoor (1661-1736) ersetzt. So erbaute er einen neuen Speisesaal, wobei er diesen in die Ost-West-Achse der Kapelle legte. Mit dem Radcliffe Square und der Bibliothek veränderte sich auch das architektonische Zentrum von Oxford. Hawksmoor entschied sich bei seinen Bauten für an die gotischen Vorbilder angelehnte Formen, wodurch die Neubauten sich stilistisch den nördlichen, gotischen Bauten einfügte. Zu den Neubauplanungen gehörte auch die neue Bibliothek, deren Bau auseiner Stiftung des Fellows Christopher Codrington finanziert wurde. Die Entwürfe wurden 1715/16 gebilligt, aber die ‘hall’ wurde erst 1730-33 errichtet, während die Bauarbeiten für die Bibliothek 1716 begannen.
Auf der Ostseite entstand das 'grand dormitory' mit dem Räumen der Fellows und Gemeinschafträumen im Erdgeschoss. Die dreigeschossige Fassade wird durch Zwillingstürme bestimmt: “Gothic used scenically and romantically, but within the conventions of a classical tradition ... a unique episode in English architecture” (Sir Howard Colvin).
Der Bestand gelangte im August 2023 als Schenkung von Prof. Dr. Michael Kiene ins Archiv.
Literatur:
- Colvin, Howard Montagu; Simmons, John Simon Gabriel: All Souls : an Oxford college and its buildings (Chichele Lectures ; 1986). Oxford 1989.
- Wigelsworth, Jeffrey R: All Souls College, Oxford in the early eighteenth century: Piety, political imposition, and legacy of the Glorious Revolution (Scientific and Learned Cultures and Their Institutions; 24). Leiden; Boston 2018.